Die unendliche Geduld von Papier



Im Europaparlament passierte, was überall geschah nach der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein Anfang Oktober 2017. Die Verwunderung war groß, der Ekel, das Entsetzen. Mehr und mehr Fälle wurden bekannt, mehr und mehr Frauen sprachen, der Hashtag vervielfältigte sich, Seilschaften und Machtzirkel gerieten in den Fokus, und so gut wie alle schienen sich einig: Da muss man jetzt was tun.

Auch im Europaparlament war das so. Die Abgeordneten riefen zur Generaldebatte, schnell verabschiedeten sie eine Resolution gegen Belästigung, und der Parlamentspräsident gab eine Null-Toleranz-Linie aus. Von Brüssel aus sollte ein Zeichen nach Europa gesandt werden: #MeToo ernst nehmen und reagieren. Nur wie? Wie schafft man Mechanismen, um sexuelle Belästigung zu unterbinden oder zumindest einzudämmen? Was für eine Struktur ist nötig, damit Fälle gemeldet werden – offiziell und nicht nur an die Frau mit dem Notizbuch? Und: Will man das überhaupt? In Brüssel ließ sich in diesem ersten Jahr nach #MeToo sehr gut beobachten, wie größtmögliche verbale Offenheit in bürokratische Verschleppung mündet, auch weil zu viele Leute gar kein Interesse daran haben, dass es eine Welt ohne Belästigung gibt.

Es ist im Europaparlament wie vielerorts. Der Aufschrei ist neu, ist interessant, bisschen Sex, bisschen Grusel. Rotwein und Sperma und Bademäntel, das ist das eine. Petitionen und Gremien und Tagesordnungspunkte sind das andere.