Die unendliche Geduld von Papier



Im Europaparlament passierte, was überall geschah nach der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein Anfang Oktober 2017. Die Verwunderung war groß, der Ekel, das Entsetzen. Mehr und mehr Fälle wurden bekannt, mehr und mehr Frauen sprachen, der Hashtag vervielfältigte sich, Seilschaften und Machtzirkel gerieten in den Fokus, und so gut wie alle schienen sich einig: Da muss man jetzt was tun.

Auch im Europaparlament war das so. Die Abgeordneten riefen zur Generaldebatte, schnell verabschiedeten sie eine Resolution gegen Belästigung, und der Parlamentspräsident gab eine Null-Toleranz-Linie aus. Von Brüssel aus sollte ein Zeichen nach Europa gesandt werden: #MeToo ernst nehmen und reagieren. Nur wie? Wie schafft man Mechanismen, um sexuelle Belästigung zu unterbinden oder zumindest einzudämmen? Was für eine Struktur ist nötig, damit Fälle gemeldet werden – offiziell und nicht nur an die Frau mit dem Notizbuch? Und: Will man das überhaupt? In Brüssel ließ sich in diesem ersten Jahr nach #MeToo sehr gut beobachten, wie größtmögliche verbale Offenheit in bürokratische Verschleppung mündet, auch weil zu viele Leute gar kein Interesse daran haben, dass es eine Welt ohne Belästigung gibt.

Es ist im Europaparlament wie vielerorts. Der Aufschrei ist neu, ist interessant, bisschen Sex, bisschen Grusel. Rotwein und Sperma und Bademäntel, das ist das eine. Petitionen und Gremien und Tagesordnungspunkte sind das andere.

Tatort Europa



Diese Fragen treiben einen nach Malta, ein Jahr nach dem Mord, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Daphne-Projekts: Verschiedene Medien, auch die SZ, haben die Recherchen von Daphne Caruana Galizia fortgesetzt und veröffentlicht. Ein Zeichen, das umso notwendiger erscheint, nachdem im Februar auch in der Slowakei ein kritischer Reporter ermordet wurde, Ján Kuciak. Im Fall Kuciak gab es in den vergangenen Wochen Festnahmen und Ermittlungserfolge. Die große Frage ist aber in beiden Fällen noch ungeklärt: Wer hat sie töten lassen?

Das Muster der Gewalt



Es muss einen Mann gegeben haben in dieser Abteilung des syrischen Geheimdienstes, der beim Verüben von Gewalt geradezu penibel vorging. Seine Opfer peitschte er mit Kabeln aus, wie in vielen staatlichen Verliesen in Damaskus üblich. Dieser Folterknecht jedoch hinterließ Striemen auf den Körpern seiner Opfer, die in präzisen Abständen zueinander lagen, gleichmäßig verteilt vom Hals bis zur Hüfte. Wie ein geometrisches Muster.

Gewalttaten dieser Art sind auf Fotos dokumentiert; 53 275 dieser Bilder wurden aus Syrien herausgeschmuggelt. Ein Militärfotograf mit dem Decknamen „Caesar“ war dort nach zwei Jahren Bürgerkrieg seinem Gewissen gefolgt. Er verließ das Land und wurde zum Whistleblower, spielte seine Bilder westlichen Diplomaten zu. Die Fotos sollen belegen, was die Schergen des Diktators Baschar al-Assad mit den vielen Tausend Oppositionellen tun, die in Polizeiwachen und Militärgefängnissen verschwinden. 6786 Leichen hat Caesar aus verschiedenen Blickwinkeln fotografiert, 6785 Männer und eine Frau. Immer wieder blickt man in abgemagerte, schmerzverzerrte, kreidebleiche Gesichter.