Z wie Zeuge



Er stand an der Wand, bis er das Bewusstsein verlor, erwachte später in einer Zelle, mit Dutzenden anderen. Es war so eng, die meisten standen, am Boden lagen die Ohnmächtigen. Er erinnert sich an den Gestank und an die Leichen, in der Zelle, auf dem Gang. Mäuse und Ratten nagten an den Leichen. Er war sich sicher, dass sein Leben hier enden würde, April 2015, vier Jahre nach Beginn der Revolution, im vierten Untergeschoss der Abteilung 235 des syrischen Geheimdienstes, die man auch „Abteilung des Todes“ nennt.

Webseite besuchen

Die Vorhut des Terror-Chefstrategen



„Omar“ setzte viel Vertrauen in Bilal C., einen jungen algerischen Schlepper, fast noch ein Kind, der, als sie sich ein halbes Jahr zuvor in der Türkei kennengelernt hatten, stets kiffte, trank und rauchte. „Omar“ hatte ihn erst zum Beten gebracht, dann zum Islamischen Staat. Und nun sollte der Junge als Scout dafür sorgen, dass „Omar“ und sein Freund „Al Andalusi“ sich unauffällig unter die Masse der Flüchtlinge mischen konnten, die zu der Zeit auf der Balkanroute unterwegs waren.

„Omar“ hieß eigentlich Abdelhamid Abaaoud, ein Belgier marokkanischer Herkunft und einstiger Kleinkrimineller. Er wurde zu diesem Zeitpunkt, im Juni 2015, bereits international als gefährlicher Terrorist gesucht. Trotzdem gelang es ihm, auch mit der Hilfe von Bilal C., unbemerkt erst nach Belgien und dann nach Frankreich einzureisen, wo er im November 2015 die Anschläge von Paris orchestrierte. Ebenso wie der von Bilal C. über die Balkanroute geschleuste „Al Andalusi“, eigentlich Ayoub El Khazzani. Kurz nachdem Bilal C. und er Anfang August 2015 Belgien erreicht hatten, stieg El Khazzani in Brüssel in einen Thalys-Schnellzug und schoss mit einer Kalaschnikow, bis er von mehreren Passagieren überwältigt wurde.

Webseite besuchen

„Bin jetzt in der Fahrerkabine“



Wie wurde aus dem Jungen ein mutmaßlicher Terrorist, dem die Staatsanwaltschaft ein Bombenattentat zutraut?

Anfang 2016 erreicht J. mit seiner Familie Deutschland, die Familie aus Damaskus beantragt Asyl. J. plagen offenbar Fragen, für die er simple Antworten sucht. Im April kontaktiert er über Facebook einen Abu Jawad. Er sei als Muslim in Deutschland. Ob Jawad Mitglied vom IS sei? Ob er damit rechnen müsse, dass der IS ihn umbringen werde, weil er in Deutschland unter Ungläubigen lebe? Jawad antwortet nicht. Aber die Fragen werden nicht weniger. J. tippt sie in die Google-Suchleiste seines Mobiltelefons, auch in vielen der Abertausenden Chat-Nachrichten tauchen sie auf: Er will wissen, ob er Geld und Essen von Kanzlerin Merkel annehmen und bei Ungläubigen leben dürfe.

 

Webseite besuchen

Das darf nicht wahr sein



Manchmal gingen die Islamisten wandern, um sich zu stählen. Sie wollten an ihrer Ausdauer arbeiten, an ihrer Kraft. Sie zogen los, allen voran ein Mann mit dem Alias-Namen Abdul Rahman, er war der Anführer. Ständig redete er davon, die jungenMänner müssten an sich arbeiten und dann ausreisen, in den Nahen Osten, um dort mit den Terroristen des „Islamischen Staats“ zu kämpfen. Abdul Rahman wollte die jungen Kerle „fit“ machen, wie jemand aus der Gruppe später erzählte. Also ordnete er an, alle müssten sich einen schweren Rucksack aufsetzen, und dann marschierten sie los. 16 Kilometer sollen es gewesen sein. 16 Kilometer auf deutschen Wanderwegen, irgendwo in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen. 16 Kilometer für den Dschihad, den sogenannten Heiligen Krieg. Unter den Wanderern soll ein junger Mann namens Anis Amri gewesen sein.

Webseite besuchen

Ein Herz für Deutsche



Die Initiative „Ein Volk hilft sich selbst“ wiederum ist, nach Gründung durch Vorstandsmitglieder von Thügida im vergangenen Jahr, dabei, zum Franchise rechter Gruppen mit bundesweit bekannten Kadern heranzuwachsen. Spendenausgaben in Meiningen, Saarbrücken, Suhl, Chemnitz und Burbach, Weihnachtsfeiern in Hoyerswerda, in Apolda, in Jena, Verteilaktionen an Obdachlose inKöln und Gera sowie ein „heimattreuer Trödelmarkt“ nahe der rechten Hochburg Nordrhein-Westfalens: Dortmund. Allein im Dezember gab es unter dem Slogan mehr als zwanzig Veranstaltungen. In Eisenach beschenkte erst der Weihnachtsmann die Kinder, dann hielt die als Holocaust Leugnerin verurteilte Rechtsextremistin Ursula Haverbeck im Beisein von Schaller einen Vortrag.

Webseite besuchen

Eine Welt voller Schatzis



Wie nennt man Sex, der juristisch keine Vergewaltigung ist, aber auch nicht gewollt? Etwas, was immer wieder irgendwo dazwischen liegt, zwischen Ja und Nein? Wo etwas zwar nicht brutal erzwungen werden muss, wo man sich aber dennoch rücksichtslos holt, was man will? Welche Rolle spielt dabei die Ausübung von Macht? Von Dominanz? Und die Tatsache, dass eine der beteiligten Personen grundsätzlich Schwierigkeiten hat, Grenzen zu setzen?

Webseite besuchen

Der Prozess



Haben die USA Ramsi bin al-Schibb so misshandelt, dass er psychisch krank geworden ist und Geräusche hört, die es nicht gibt? Und zeugt Guantanamo davon, dass es in Wahrheit der Staat ist, der den Verstand verloren hat?

Webseite besuchen

Prozess gegen ehemaligen SS-Mann könnte scheitern



Eine schnelle Prozesserledigung scheine für den Richter im Vordergrund zu stehen – und weil der das unverzichtbare Maß an Neutralität verloren habe, hat Förster den Vorsitzenden Richter Kabisch und den Berichterstatter nach Informationen von SZ, NDR und WDR in der vergangenen Woche wegen Befangenheit abgelehnt.

Webseite besuchen

Anklage gegen den Frankfurter Terrorverdächtigen



„Sein Bart wurde immer länger“, berichtete ein Zeuge aus der Schulzeit über D.s Hinwendung zum Islam. Und die Schwester des Angeklagten, zu der dieser kein gutes Verhältnis hat, erzählte den Ermittlern von ihrem Eindruck, er sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Ist Halil D. also einer jener einsamen Wölfe, von denen in diesen Zeiten eine große Bedrohung ausgeht? Die monatelangen Ermittlungen wurden mit größter Akribie betrieben, und doch bleibt die Geschichte undurchsichtig.

Webseite besuchen

Die Mitte brennt



Groß Lüsewitz ist ein schönes Dorf, zwanzig Kilometer östlich von Rostock. Das renovierte Rittergut im Ortskern überragt die Kastanienbäume, in einem modernen Glasbau wird an genmanipulierten Kartoffeln geforscht, manchmal gibt es Feldbesetzungen durch Genforschungsgegner. Dann kommt die Polizei, dann wird es unruhig. Die in Groß Lüsewitz aber wollen ihre Ruhe haben.

◱: Download/ Lesen (PDF, 1.09 MB)

◳: http://www.sueddeutsche.de/pol…

Der lange Arm der Diktatur



Aufbausteuer nennt die Regierung des afrikanischen Landes die Zwangsabgabe für im Ausland lebende Eritreer. Doch der Begriff täuscht: Nach Einschätzung von Experten dient das Geld der Zerstörung ganzer Landstriche am Horn von Afrika. Von den Steuer-Millionen werden mutmaßlich Waffen für Milizen gekauft und Oppositionsgruppen in den Nachbarländern finanziert.

Webseite besuchen

Exil-Eritreer zahlen Zwangssteuern an die Diktatur



Wir treffen einen Eritreer, der sich lange geweigert hat, Steuern zu zahlen, nun hat er kapituliert. Er will unerkannt bleiben – hat Angst, dass das Regime auch hier nach ihm greift. „Ich lebe seit 12 Jahren in Deutschland, könnte längst deutscher Staatsbürger sein, aber dafür brauche ich Dokumente von der eritreischen Botschaft. Die bekomme ich nur, wenn ich jetzt die Steuer zahle“.

Webseite besuchen

Der viel zu lange Arm des Gesetzes



Auf der jährlichen Generalversammlung von Interpol Anfang November 2014 spricht Noble zu rund 1000 Delegierten der Mitgliedsstaaten. Zu der Zeit ist Noble noch Generalsekretär, 14 Jahre stand er an der Spitze. »Wir tun alles dafür, eure Länder, eure Bürger und eure Unternehmen sicherer zu machen«, sagt er. Er redet von der »Interpol-Familie«, der Bruderschaft der Polizeibehörden, von »Liebe« und »Stolz«. Er sagt: »Ihr sollt wissen, dass ich es liebe, der Generalsekretär von jedem, aber wirklich jedem Land zu sein.«

◱: Download/ Lesen (PDF, 1.94 MB)

◳: http://sz-magazin.sueddeutsche…

Mit einem Schlag Ausländer



Migranten, das waren für Floris H. bis zu jenem 7. September 2013 immer die anderen. Kinder, die benachteiligt sind, deren Eltern kein Deutsch sprechen, ihnen bei den Hausaufgaben nicht helfen können. Auf jeden Fall keine Einser-Schüler wie er und seine ältere Schwester, deren Fotos die Website des Hamburger Goethe-Gymnasiums schmückten, weil sie im Schulorchester die Erste Geige spielten.

◱: Download/ Lesen (PDF, 196.9 kB)

◳: http://www.spiegel.de/spiegel/…

Heldin wider Willen



Die Stewardess lässt sie schon Minuten vor dem Ankoppeln an die Tür. Greenwald und Poitras schweigen. Es ist alles besprochen. Die Tür fährt aus. Draußen, im Tunnel stehen bloß zwei Arbeiter in Warnwesten. „Auf in die red zone“, witzelt Greenwald. Schnell laufen sie durch die Empfangshalle. Es ist ungewöhnlich still und leer. Als würden wir aus Tausenden Kameras beobachtet, flüstert Poitras. Ein Panoptikum.

Der Beamte schaut auf den Zettel. Schaut in ihr Gesicht. Dann nickt er bloß. Laura Poitras darf rein
Die Passkontrolle ist automatisiert. Poitras zieht ihren Pass durch einen Scanner. Auf dem Bildschirm erscheint nichts Auffäl- liges. Sie greift nach dem Bon, der aus dem Automaten kommt, und geht damit zu dem Beamten hinter der Scheibe. Der schaut auf den Zettel. Schaut in ihr Gesicht. Dann nickt er bloß. Keine Fragen. Dieses Mal nicht.

◱: Download/ Lesen (PDF, 307.7 kB)

Frau Yasar im Land der Mörder



Der Tag im Reichstag endet in der Bibliothek. Ein Politiker der Linken kniet vor Salimes Rollstuhl und hält ihre Hand, sie schluchzt. Der junge Mann findet versöhnliche Worte. Er entschuldigt sich erkennbar ergriffen. Schlimm, wie die Stadt Rostock reagiert habe. Schlimm, dass es noch keinen Gedenkstein gebe. Er kniet vor der falschen Frau. Er hat Salime mit der Mutter von Mehmet Turgut, erschossen in Rostock, verwechselt. Deutschland verneigt sich vor den Opfern, egal, welchen.

◱: Download/ Lesen (PDF, 3.2 MB)

Die Akte Nicole Schneiders



Wenige Stunden bevor das BKA die Wohnung von Ralf Wohlleben in Jena stürmt, ermutigt ihn eine alte Bekannte aus Karlsruhe mit einer SMS: „Denk an dich“, schreibt Nicole Schneiders, „…falls ihr abstand braucht seid ihr bei uns jederzeit willkommene gäste!“. Es ist der 23. November 2011. Wohllebens Name taucht seit Tagen in Medienberichten über das Terrortrio NSU auf. „was empfielst du bei einer bka-vorladung?“, simst Ralf Wohlleben zurück. „Nicht ohne anwaltlichen beistand“, antwortet Nicole Schneiders. Und: „Keine Angaben machen!“

Webseite besuchen

Im Namen der Toten



Der Prozess wird uns auch mit uns selbst konfrontieren. Unbarmherzig Antworten erzwingen. Was wäre in diesem Land los, wenn reihenweise Deutsche ermordet worden wären? Hätte uns das mehr berührt, wäre unsere Trauer größer gewesen? Warum hat uns diese Mordserie so lange so wenig entsetzt, warum fiel es uns so leicht, zu glauben, es seien Morde im kriminellen Milieu? Harte Fragen. Fragen, die uns bewusst machen, dass es Menschen gibt, die neben uns leben, aber wir offenbar nicht mit ihnen; Nachbarn, deren Schicksal uns weniger Anteil nehmen lässt als das anderer Nachbarn.

◱: Download/ Lesen (PDF, 1.99 MB)

Ein Floss bauen



Zu Wasser tragen! Jetzt noch die alten Autorreifen als Fender an den Seiten befestigen (am besten je zwei pro Längsseite). Dazu mit dem Seil eine Schlaufe bilden, Reifen reinhängen, Schlaufe oben festnageln. Den Anker am „Gestell“ fest binden. Ablegen, Sonnen, Feiern, Treiben lassen.

◱: Download/ Lesen (PDF, 151.5 kB)

Der ungleiche Häuserkampf



Zwei Stunden bevor er seine Wohnung endgültig verlieren wird, sitzt Ali Gülbol in der Küche und schält ein Frühstücksei. Die Wanduhr neben dem Schrank ist aus billigem Plastik, der Sekundenzeiger schleift.

Tsack, tsack, tsack. Sieben Uhr.
„Zu hart“, knurrt Ali Gülbol und legt das Ei halb gepellt auf den Teller.

Er läuft zum Fenster. Vom Hinterhaus, hier, aus der Wohnung seiner Eltern im vierten Stock, kann er eine Handvoll Polizisten im Garten stehen sehen. Von der anderen Seite kommen die Rufe der Demonstranten, es müssen Hunderte sein. Sehen kann er sie nicht.

Plötzlich ein lautes Knattern.

„Ist Krieg oder was?“, seine Frau Necmiye stürmt herein, reißt die Balkontür auf. In der Luft, vielleicht 200 Meter über den Gülbols, kreist ein Hubschrauber.

◱: Download/ Lesen (PDF, 276.6 kB)

Wenn nicht wir



Zwei junge Menschen machen sich auf den Weg nach Kopenhagen zur Klimakonferenz der Vereinten Nationen. Kim fährt 16 Monate mit dem Fahrrad – von Australien. Henrike und die Klimapiraten überqueren die vereiste Ostsee auf einem Segelschiff. Sie kennen sich nicht, doch beide teilen die Hoffnung, dass Politik und Industrie endlich einlenken und ein starkes Klimaschutzabkommen beschließen werden. Schon seit Monaten haben Henrike und Kim sich schon für den Klimaschutz eingesetzt – wie gehen sie mit dem Scheitern der Verhandlungen um?

Webseite besuchen

Im Zweifel gegen Ausländer



Webseite besuchen

Ins Exil für 800 Euro



Die Marakis hatten in Deutschland die Adresse der Taverne, sonst kannten sie niemanden, sagen sie; es habe geschneit, als sie aus dem Regionalexpress stiegen. An einer Kreuzung das Restaurant, ein Neonschild über der Eingangstür: „Griechische Gastlichkeit“. Drinnen dunkle Holzvertäfelung, Plastikstatuen in Gold, an der Bar Familienfotos.

Webseite besuchen

Operation Konfetti



Totales Versagen – und eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Inlandsgeheimdienste. Der Präsident des BfV und die Chefs der Verfassungsschutzbehörden in Thüringen und in Sachsen verloren ihre Ämter. Statt aufzuklären, wurden beim Verfassungsschutz heimlich Akten über V-Leute und die gewaltbereite Neonaziszene geschreddert. Manche gar auf Anweisung aus dem Bundesinnenministerium. Untersuchungs- ausschüsse beschäftigen sich mit der Frage nach Verantwortlichen. Als oberster Aufklärer des Schredderskandals fungiert, diskret im Hintergrund, Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Fritsche.

◱: Download/ Lesen (PDF, 578.2 kB)

300 Meter Hass



Er tut alles, um den „Henker“ wegzukriegen: Wenn dort gefeiert wird, ruft er das Ordnungsamt wegen der Lärmbelästigung. Sogar die Mülltrennung des „Henkers“ kontrolliert er, aber mehr als Abmahnungen kamen bisher nicht heraus. „Der Wirt zahlt immer pünktlich seine Miete“, sagt Hans Erxleben bedauernd. Und solange der sich nicht strafbar macht, will der Vermieter den Mietvertrag nicht aufkündigen.

◱: Download/ Lesen (PDF, 318 kB)